15
Die letzte Runde Foltern war bereits ein paar Stunden her, aber Nikolais Körper spannte sich reflexartig an, als er das leise Klicken des elektronischen Türschlosses an seiner Zimmertür hörte. Er musste nicht raten, wo er sich befand - die klinisch weißen Wände und die zahlreichen medizinischen Geräte, die sein Krankenhausbett flankierten, sagten ihm nur zu deutlich, dass man ihn in eine der Hochsicherheitskliniken der Agentur gebracht hatte.
Die schweren Stahlklammem, die sich eng um seine Handgelenke, Brust und Knöchel schlossen, sagten ihm, dass er sein momentanes Quartier jener medizinischen Abteilung zu verdanken hatte, in der die Behandlung und Rehabilitation von Rogues durchgeführt wurden. Was, um die allerletzten Zweifel auszuräumen, bedeutete, dass er so gut wie tot war. Es war die Vampirversion einer Kakerlakenfalle; wenn man einmal durch diese Türen ging, kam man nie mehr raus.
Nicht dass seine Entführer die Absicht hatten, ihm seinen Aufenthalt angenehm zu gestalten. Nikolai hatte das Gefühl, dass ihre Geduld mit ihm fast zu Ende war. Sie hatten ihn fast bewusstlos geschlagen, nachdem die Wirkung der Betäubungsmittel nachgelassen halte, ihn bearbeitet, damit er den Mord an Sergej Jakut gestand. Als das nicht funktioniert hatte, hatten sie mit Elektroschockpistolen und anderer kreativer Elektronik weitergemacht und ihn die ganze Zeit so auf Drogen gehalten, dass er zwar jeden Stromschlag spüren konnte, aber zu betäubt war, um sich zu wehren.
Der Schlimmste seiner Peiniger war der Stammesvampir, der jetzt den Raum betrat. Niko hatte gehört, wie einer der Agenten ihn Fabien genannt und ihn mit solcher Ehrerbietung angesprochen hatte, dass klar war, dass dieser Vampir in der Hierarchie ziemlich weit oben stehen musste.
Fabien war groß und schlaksig, mit einem schmalen Gesicht und kleinen, wild blickenden Augen unter seinem zurückgekämmten, hellen Haar. Seine unangenehme, sadistische Ader konnten weder die Maskerade seines eleganten Anzugs noch seine angenehmen, kultivierten Manieren ganz verbergen. Dass er dieses Mal allein hereingekommen war, war kein gutes Zeichen.
„Konnten Sie sich etwas ausruhen?", fragte er Niko mit einem höflichen Lächeln. „Vielleicht sind Sie jetzt bereit, ein kleines Schwätzchen mit mir zu halten. Dieses Mal nur wir zwei, was sagen Sie dazu?"
„Fick dich", knurrte Nikolai durch seine ausgefahrenen Fangzähne hindurch. „Ich habe Jakut nicht umgebracht. Ich habe euch gesagt, was passiert ist. Du hast den Falschen verhaftet, Arschloch." Mit einem leisen Kichern kam Fabien zum Bett hinüber und starrte auf ihn herunter. „Es hat keinen Fehler gegeben, Krieger. Und mir persönlich ist völlig egal, ob du es gewesen bist oder nicht, der diesem Gen Eins das Hirn herausgepustet hat. Ich habe wichtigere Fragen an dich. Fragen, die du beantworten wirst, wenn dir auch nur irgendetwas an deinem Leben liegt."
Dass dieser Mann wusste, dass er ein Ordenskrieger war, gab Nikolais Gefangennahme eine gefährliche neue Wendung.
So wie das böse Glänzen in diesen durchtriebenen Raubvogelaugen.„Was genau weiß der Orden über die anderen Gen Eins-Morde?"
Nikolai starrte finster zu ihm auf, schweigend, mit zusammengebissenen Zähnen.
„Denkt ihr wirklich, ihr könnt etwas tun, um sie zu verhindern? Denkst du, der Orden ist so mächtig, dass er eine Entwicklung aufhalten kann, die sich im Geheimen schon seit Jahren vollzieht?" Die Lippen des Stammesvampirs verzogen sich zur Karikatur eines Lächelns. „Wir werden euch auslöschen, einen nach dem anderen, genauso wie wir es mit den letzten verbleibenden Mitgliedern der Ersten Generation tun. Es ist alles vorbereitet, und das schon seit langer Zeit. Du musst wissen, die Revolution hat bereits begonnen."
Wut ballte sich in Nikolai zusammen, als ihm klar wurde, was er da hörte. „Du Hundesohn! Du arbeitest für Dragos."
„Ah ... du beginnst zu verstehen", sagte Fabien liebenswürdig.
„Du bist ein verdammter Verräter an deiner eigenen Spezies, das ist es, was ich verstehe."
Die kultivierte Fassade fiel von Fabien ab wie eine Maske.
„Ich will, dass du mir von den aktuellen Missionen des Ordens erzählst. Wer sind eure Verbündeten? Was wisst ihr über die Mordanschläge? Wie plant der Orden, gegen Dragos vorzugehen?"
Nikolai grinste höhnisch. „Blas mir einen. Und sag deinem Boss, er kann mir auch einen blasen."
Fabiens grausame Augen wurden schmal. „Du hast meine Geduld lang genug auf die Probe gestellt."
Er stand auf und ging zur Tür hinüber. Auf ein knappes Winken seiner Hand erschien der diensthabende Wächter im Zimmer. „Ja, Sir?"
„Es ist Zeit."
„Jawohl, Sir."
Der Wächter nickte und verschwand, nur um einen Augenblick später wieder zu erscheinen. Er und ein Krankenpfleger rollten eine Frau herein, die auf ein schmales Bett geschnallt war. Auch sie war sediert worden und trug nur einen dünnen, ärmellosen Krankenhauskittel.
Neben ihr lagen eine Aderpresse, eine Packung dicker Injektionsnadeln und ein zusammengerollter Infusionsschlauch. Was zur Hölle hatten sie vor?
Aber er wusste es. Er wusste es, sobald der Pfleger den schlaffen Arm der Frau hob und die Aderpresse um ihre Oberarmarterie befestigte. Als Nächstes kamen die Nadel und der Saugschlauch zum Einsatz.
Nikolai versuchte, die klinische Prozedur zu ignorieren, die da neben ihm stattfand, aber schon beim leisesten Blutgeruch wurden seine Sinne zu einem Feuerwerk.
Speichel schoss ihm in den Mund. Seine Fangzähne führen in Vorfreude auf die Nahrungsaufnahme aus.
Er wollte nicht so hungrig sein - nicht, wenn Fabien vorhatte, das gegen ihn einzusetzen. Er versuchte, seinen Hunger zu ignorieren, aber er wurde immer größer, sein Körper reagierte bereits auf den tief verwurzelten Trieb, Nahrung zu sich zu nehmen.
Fabien und die anderen beiden Vampire im Raum waren ebenfalls nicht immun dagegen. Der Pfleger arbeitete rasch, der Wächter blieb auf Abstand bei der Tür stehen, während Fabien zusah, wie die Blutwirtin für die Fütterungsprozedur vorbereitet wurde. Sobald alles fertig war, entließ Fabien den Pfleger und schickte den Wächter wieder hinaus auf seinen Posten.
„Haben wir Hunger, ja?", fragte er Niko, als die anderen gegangen waren. Er hielt den Fütterungsschlauch in einer Hand, die Finger seiner anderen Hand auf das Ventil gelegt, das den Blutstrom aus dem Arm der Frau öffnen würde.
„Du musst wissen, das ist die einzige Art, einen Rogue in Gefangenschaft zu füttern. Die Blutaufnahme muss genau überwacht werden, kontrolliert von eigens ausgebildetem Personal. Zu wenig, und er verhungert; zu viel, und seine Abhängigkeit verstärkt sich. Blutgier ist etwas Schreckliches, findest du nicht auch?"
Niko fauchte und wünschte sich nichts sehnlicher, als vom Bett zu springen und Fabien zu erwürgen. Er kämpfte wie wild, um genau das zu tun, aber die Anstrengung war vergeblich. Die Kombination von Beruhigungsmitteln und Stahlfesseln hielt ihn nieder. „Ich bring dich um", murmelte er, schnaufend vor Erschöpfung. „Ich versprech dir, ich bring dich um, verdammt noch mal."
„Nein", sagte Fabien. „Du bist es, der sterben wird. Wenn du jetzt nicht anfängst zu reden, werde ich dir diesen Schlauch in den Hals stecken und das Ventil öffnen. Ich werde erst wieder zudrehen, wenn du mir ein Zeichen deiner Kooperationsbereitschaft gibst."
Herr im Himmel. Er drohte damit, ihn überzudosieren.
Kein Stammesvampir konnte so viel Blut auf einmal verkraften. Es würde fast sicher Blutgier in ihm auslösen.
Fabien würde ihn zum Rogue machen, ihn auf die Einbahnstraße von Elend, Wahnsinn und Tod schicken.
„Würdest du jetzt gerne reden, oder sollen wir anfangen?"
Er war nicht so dumm, zu denken, dass Fabien oder seine Kumpels ihn freilassen würden, selbst wenn er Details über Strategien und aktuelle Missionen des Ordens ausspuckte.
Zur Hölle noch mal, selbst mit einer felsenfesten Garantie, dass sie ihn laufen ließen, wollte er verdammt sein, wenn er seine Brüder verriet, nur um seine eigene Haut retten.
Also, das war's dann wohl. Er hatte sich oft gefragt, wie er wohl einmal den Löffel abgeben würde, hatte sich ausgemalt, ruhmreich in einem Hagel von Kugeln und Granatsplittern unterzugehen und dabei hoffentlich ein Dutzend Blutsauger mitzunehmen. Nie hätte er gedacht, dass ihm ein so jämmerliches Ende beschieden sein würde.
Das einzig Ehrenhafte daran war, dass er die Geheimnisse des Ordens mit ins Grab nehmen würde.
„Bist du bereit, mir zu sagen, was ich wissen will?", fragte Fabien.
„Fick dich", stieß Niko hervor, angepisster denn je. „Dich und Dragos. Zur Hölle mit euch."
Fabiens Augen sprühten vor Wut. Er zwang Nikolais Mund auf und rammte ihm den Schlauch tief in den Hals.
Seine Speiseröhre zog sich zusammen, doch selbst sein Würgereflex war durch die Beruhigungsmittel in seinem Blutkreislauf geschwächt.
Mit einem leisen Klicken wurde das Ventil am Arm der Frau geöffnet.
Blut schoss in Nikos Rachen. Er würgte, versuchte, seine Kehle zu schließen und das Blut zu verweigern, aber es war zu viel - ein endloser Fluss, der rasch aus der angezapften Arterie seiner Blutwirtin pulsierte.
Niko hatte keine andere Wahl, als zu schlucken.
Er schluckte den ersten Mundvoll. Dann wieder einen.
Und dann immer mehr.
Im Büro seines Dunklen Hafens überprüfte Andreas Reichen Rechnungen und überflog die neuen E-Mails dieses Morgens, als er die Nachricht von Helene in seinem Posteingang bemerkte. Beim Anblick der knappen Worte in der Betreffzeile beschleunigte sich sein Puls vor Neugier: Habe einen Namen für dich.
Er klickte die E-Mail an und las ihre kurze Mitteilung.
Nach einigen hartnäckigen Nachforschungen hatte Helene den Namen des Vampirs herausgefunden, mit dem ihr verschwundenes Mädchen aus dem Club sich in letzter Zeit getroffen hatte.
Wilhelm Roth.
Reichen las den Namen zweimal, und jedes Molekül seines Blutkreislaufs wurde kälter, als er ihm ins Bewusstsein drang.
Helene fügte in der Mail hinzu, dass sie noch nach weiteren Informationen forschte und sich wieder melden würde, sobald sie mehr wusste.
Herr im Himmel.
Sie konnte die wahre Natur der Giftschlange nicht kennen, die sie da ausgegraben hatte, aber Reichen kannte sie nur allzu gut.
Wilhelm Roth, der Leiter des Dunklen Hafens Hamburg, eine der mächtigsten Persönlichkeiten des Stammes.
Wilhelm Roth, Gangster erster Sorte, den Reichen einst gut gekannt hatte.
Wilhelm Roth, der mit einer ehemaligen Geliebten von Reichen in einer Blutsverbindung lebte - der Frau, die ihm das Herz gebrochen hatte, als sie ihn verließ, um mit dem reichen Stammesvampir Zweiter Generation zu leben, der ihr im Gegensatz zu ihm so viel zu bieten hatte.
Wenn Helenes verschwundene Angestellte sich mit Roth eingelassen hatte, war davon auszugehen, dass das Mädchen inzwischen tot war. Und Helene ... Herr im Himmel. Sie war dem Mistkerl schon zu nahe gekommen, allein dadurch, dass sie seinen Namen in Erfahrung gebracht hatte. Wenn sie ihm jetzt auf ihrer Suche nach weiteren Informationen noch näher kam ... ?
Reichen nahm den Telefonhörer ab und rief sie auf dem Handy an. Keine Antwort. Er versuchte es in ihrer Wohnung in der Stadt und fluchte, als sich der Anrufbeantworter einschaltete. Es war noch viel zu früh für sie, im Club zu sein, aber er wählte die Nummer trotzdem und verfluchte das Tageslicht, das ihn in seinem Dunklen Hafen gefangen hielt, sodass er nicht hinüberfahren und persönlich mit ihr reden konnte.
Als er sie nirgends erreichen konnte, schickte Reichen ihr eine E-Mail.
Nachforschungen zu Roth sofort einstellen. Er ist gefährlich. Melde dich, sobald du diese E-Mail gelesen hast.
Helene, bitte ... sei vorsichtig.
Ein Lastwagen mit medizinischer Ausrüstung hielt vor der Toreinfahrt eines bescheidenen, einstöckigen Gebäudes etwa fünfundvierzig Minuten von der Montrealer Innenstadt entfernt. Der Fahrer lehnte sich aus dem Fenster und tippte eine kurze Zahlenkombination auf einer elektronischen Tastatur, die am Wachhäuschen angebracht war. Wenig später öffnete sich das Tor, und der Lastwagen rollte hindurch. Es musste wohl Anliefertag sein, denn das war schon das zweite Lieferfahrzeug, das Renata in der kurzen Zeit, die sie hier wartete, in das unauffällige Gebäude hinein- und hinausfahren gesehen hatte. Den Großteil des Tages hatte sie in der Stadt verbracht, sich in Lex' Wagen versteckt, während sie sich von den schlimmsten Nachwirkungen des Morgens erholte. Inzwischen war es später Nachmittag. Ihr blieb nicht viel Zeit - nur ein paar kurze Stunden, bis es dunkel wurde und die Nacht vor Raubtieren wimmelte. Nicht lange, bis sie selbst wieder zur Gejagten wurde.
Diese Zeit musste sie so gut wie möglich nutzen, und das war der Grund, warum sie sich weiter unten an der Straße in einiger Entfernung von dem frei stehenden, kameraüberwachten Tor des eigentümlichen Gebäudes in der Kleinstadt Terrabonne postiert hatte. Es war fensterlos und hatte keinerlei Beschilderung an der Vorderfront. Obwohl sie sich nicht sicher sein konnte, sagte ihr Bauchgefühl ihr, dass dieser flache Quader aus Beton und Ziegeln am Ende einer privaten Zufahrtsstraße der Ort war, den Lex erwähnt hatte - die Hochsicherheitsklinik, in die man Nikolai gebracht hatte.
Sie betete darum, dass sie richtig lag, denn momentan war der Krieger der Einzige, der noch als ihr Verbündeter infrage kam, und wenn sie Mira finden wollte - wenn sie auch nur die geringste Chance hatte, das Kind von dem Vampir wegzuholen, der sie jetzt hatte -, dann wusste sie, dass sie es nicht alleine schaffte. Aber das bedeutete, dass sie Nikolai erst einmal finden musste. Sie betete, dass er noch am Leben war.
Und wenn er tot war? Oder wenn er lebte, sich aber weigerte, ihr zu helfen? Oder beschloss, sie wegen ihrer Rolle bei seiner unrechtmäßigen Verhaftung sofort zu töten?
Nun, Renata hatte nicht vor, über all diese Möglichkeiten nachzugrübeln. Was mit ihr geschah, war nicht wichtig.
Alles, was zählte, war das unschuldige Kind, dessen Sicherheit von ihr abhing.
Also wartete und beobachtete sie, versuchte eine Möglichkeit zu finden, an diesem Sicherheitstor vorbeizukommen. Wieder rollte ein Lastwagen auf die Einfährt zu. Er blieb stehen, und Renata ergriff die Gelegenheit.
Sie sprang aus Lex' Wagen und rannte tief geduckt auf den hinteren Teil des Fahrzeugs zu. Während der Fahrer seinen Zugangscode eingab, sprang sie auf die hintere Stoßstange. Die Tür des Anhängers war verriegelt, aber sie packte die Türgriffe und hielt sich fest, als sich das Tor ratternd öffnete und der Laster hindurchrollte.
Der Fahrer fuhr in einer Kurve zum hinteren Teil des Gebäudes, eine asphaltierte Einfahrt hinauf, die zu ein paar Ladedocks für Warenannahme und Warenausgang führte.
Renata kletterte auf das Anhängerdach hinauf und hielt sich gut fest, als der Lastwagen wendete und im Rückwärtsgang in eines der leeren Ladedocks hineinfuhr. Als er sich dem Gebäude näherte, klickte ein Bewegungsmelder, und das Tor hob sich. Niemand wartete dort, als das Sonnenlicht in die hallenartige Öffnung flutete. Aber das wunderte sie nicht weiter. Wenn dieser Ort von Stammesvampiren geführt wurde, würden sie keinen hier draußen arbeiten lassen. Er wäre innerhalb weniger Minuten Grillfleisch.
Sobald der Lastwagen vollständig in das Gebäude hineingefahren war, begann sich das große Tor wieder zu senken. Als es sich geschlossen hatte, herrschte eine Sekunde lang Dunkelheit, dann sprangen mit einem elektronischen Flirren die Neonröhren an der Decke an.
Renata kletterte rasch hinunter und sprang von der hinteren Stoßstange, gerade als der Fahrer aus dem Lastwagen stieg. Und nun kam aus einer Stahltür auf der anderen Seite der Halle ein muskulöser Mann in einer dunklen, militärisch wirkenden Uniform.
Dieselbe Uniform, wie die Agenten sie getragen hatten, die Lex letzte Nacht gerufen hatte, um Nikolai zu verhaften.
Samt Halbautomatik im Hüftholster.
„Hey, wie geht's?", rief der Fahrer dem Wächter zu.
Renata schlich sich um die Seite des Lasters herum, bevor der Vampir oder der Fahrer sie entdecken konnten. Sie wartete, lauschte dem Klirren des Schlosses, das entriegelt wurde. Als der Wächter näher kam, schickte sie ihm einen kleinen Gruß, einen übersinnlichen Schlag, der ihn etwas aus dem Gleichgewicht brachte. Noch ein kleiner Schlag, und er taumelte, griff sich an die Schläfen und keuchte einen üblen Fluch.
Der menschliche Fahrer drehte sich besorgt zu ihm um.
„Oh Mann, bist du okay, Kumpel?"
Diese kurze Unaufmerksamkeit war alles, was Renata brauchte. Lautlos schoss sie über das weite Ladedock und schlüpfte durch die Stahltür, die der Wächter ungesichert gelassen hatte.
Sie duckte sich an einem leer stehenden Büro vorbei, in dem sich ein Überwachungsterminal befand, dessen Monitore das vordere Einfahrtstor zeigten. Der schmale Gang dahinter bot ihr zwei Möglichkeiten: eine Abzweigung, die offenbar zum vorderen Teil des Gebäudes führte und, weiter unten auf dem Gang, eine Treppe in den ersten Stock.
Renata entschied sich für die Treppe. Sie eilte darauf zu, am dem Gang vorbei, der zur Seite abzweigte. Dort befand sich ein weiterer Wachmann.
Verdammt.
Er sah sie vorbeirennen. Seine Stiefel donnerten näher.
„Stehen bleiben!", schrie er und kam um die Ecke gerannt.
„Hier ist Zutritt verboten ..."
Renata wirbelte herum und fällte ihn mit einem starkem Energiestoß. Als er zuckend auf dem Boden lag, rannte sie ins Treppenhaus und die Treppe zum ersten Stock hinauf.
Nicht zum ersten Mal schalt sie sich, das Jagdhaus ohne Waffen verlassen zu haben. Sie konnte nicht weiter so ihre Kraft verbrennen, bevor sie überhaupt wusste, ob Nikolai wirklich hier war. Sie lief sowieso schon praktisch auf halber Kraft; um sich völlig von dem Angriff auf Lex diesen Morgen zu erholen, müsste sie sich wohl den Rest des Tages hinlegen. Aber das war leider nicht drin.
Sie spähte durch das verstärkte Glas der Treppenhaustür und erfasste die räumliche Anordnung der Krankenstation.
Eine kleine Gruppe Stammesvampire in weißen Laborkitteln schlenderte vorbei, auf dem Weg zu einer der vielen Türen, die vom Gang abgingen. Zu viele, als dass sie allein etwas gegen sie hätte ausrichten können, selbst wenn sie im Vollbesitz ihrer Kräfte gewesen wäre.
Und dann war da noch der bewaffnete Posten am anderen Ende des Korridors.
Renata lehnte sich gegen die Treppenhauswand, legte den Kopf zurück und stieß einen leisen Fluch aus. Sie hatte es bis hierher geschafft, aber wie zur Hölle hatte sie nur denken können, dass sie in so eine Hochsicherheitsanlage eindringen könnte und es auch noch überleben würde?
Nun packte sie der Mut der Verzweiflung. Sie konnte einfach nicht akzeptieren, dass sie bis hierher und nicht weiter kommen sollte. Sie hatte keine andere Wahl als weiterzugehen. Mitten ins Feuer, wenn es denn sein musste.
Feuer, dachte sie, und sah wieder in den Korridor vor dem Treppenhaus. An der gegenüberliegenden Wand war ein roter Feuermelder angebracht.
Vielleicht hatte sie ja doch eine Chance ...
Renata schlich aus dem Treppenhaus und zog den Hebel nach unten. Eine kreischende Alarmsirene zerriss die Luft, und überall brach schlagartig Chaos aus. Sie schlüpfte ins erstbeste Krankenzimmer und sah zu, wie Krankenpfleger und Ärzte kopflos umherrannten. Als sie den Eindruck hatte, dass sie alle mit dem Fehlalarm beschäftigt waren, trat Renata in den leeren Korridor hinaus und begann sich die einzelnen Krankenzimmer auf der Suche nach Nikolai vorzunehmen. Wo er war, war nicht schwer herauszufinden. Nur vor einem Krankenzimmer war ein bewaffneter Agent postiert. Dieser Wächter war immer noch dort, blieb trotz des Alarms, der alle übrigen Pfleger in alle Winde zerstreut hatte, weiter auf seinem Posten.
Renata sah die Pistole an, die an seiner Hüfte steckte, und hoffte inständig, dass sie jetzt keinen riesigen Fehler machte.
„Hey", sagte sie und schlenderte näher. Sie lächelte fröhlich, obwohl er sofort finster das Gesicht verzog und nach seiner Waffe griff. „Hörst du den Alarm nicht? Zeit, dass du mal Pause machst."
Sie feuerte einen heftigen Energiestrahl auf ihn ab. Als der riesenhafte Mann zu Boden ging, lief sie zur Tür und spähte in den Raum dahinter.
Ein blonder Vampir lag an das Bett gefesselt, nackt. Er wand sich in Krämpfen und kämpfte gegen die Metallfesseln an, die ihn niederhielten. Die geschnörkelten Hautmuster des Stammes, die sich über seine Brust, seine mächtigen Muskeln und Schenkel zogen, pulsierten farbig und wirkten fast lebendig, so wie ihre Schattierungen von Purpur über tiefes Lila zum tiefsten Schwarz oszillierten. Sein Gesicht hatte kaum noch etwas Menschliches an sich, völlig transformiert, die Fangzähne ausgefahren, die Augen wie glühende Kohlen.
Konnte das Nikolai sein? Zuerst war Renata sich nicht sicher. Aber dann hob er den Kopf, und diese wilden, bernsteinfarbenen Augen sahen sie an. Sie sah ein erkennendes Aufblitzen und ein Elend, das selbst aus der Entfernung mit Händen zu greifen war.
Ihr Herz zog sich zusammen, brannte vor Reue.
Herr im Himmel, was hatten die bloß mit ihm gemacht?
Renata packte den bewusstlosen Körper des Wachpostens und zerrte ihn mit sich in den Raum. Nikolai bäumte sich auf dem Bett auf und fauchte etwas Unverständliches. Es klang, als wäre er fast wahnsinnig.
„Nikolai", sagte sie und ging zu seinem Bett hinüber.
„Kannst du mich hören? Ich bin's, Renata. Ich hol dich hier raus."
Ob er sie verstand, konnte sie nicht wissen. Er knurrte und kämpfte gegen seine Fesseln an, die Finger dehnten und ballten sich zu Fäusten, jeder Muskel angespannt.
Renata bückte sich und nahm dem Wächter einen Schlüsselbund vom Gürtel. Sie nahm sich auch seine Pistole und fluchte, als sie erkannte, dass es bloß eine Betäubungspistole war, geladen mit weniger als einem halben Dutzend Kugeln.
„Ich schätze, Bettler dürfen nicht wählerisch sein", murmelte sie und steckte die Waffe in den Bund ihrer Jeans.
Sie ging zurück zu Nikolai und begann, seine Fesseln aufzuschließen. Als sie seine Hand befreit hatte, erschrak sie, denn sie schloss sich sofort wie eine eiserne Klammer um ihr Handgelenk.
„Abhauen", fauchte er böse.
„Ja, wir sind doch gerade dabei", erwiderte Renata. „Lass mich los, dann kann ich den Rest von diesen verdammten Dingern aufschließen."
Er holte Atem, mit einem leisen Zischen, das die Härchen in ihrem Nacken prickeln ließ. „Du ... gehst ... nicht ich."
„Was?" Mit gerunzelter Stirn befreite sie ihre Hand und beugte sich über ihn, um auch seine andere Fessel aufzuschließen. „Versuch nicht zu reden. Wir haben nicht viel Zeit."
Er packte sie so fest, dass sie dachte, ihr Handgelenk würde brechen. „Lass. Mich. Hier."
„Das kann ich nicht. Ich brauche deine Hilfe."
Diese wilden, bernsteinfarbenen Augen schienen direkt durch sie hindurchzustarren, heiß und tödlich. Aber sein gnadenloser Griff lockerte sich. Er fiel aufs Bett zurück und wurde wieder von einem heftigen Krampfanfall geschüttelt.
„Fast fertig", versicherte Renata ihm und schloss schnell die letzte seiner Fesseln auf. „Komm. Ich helfe dir auf."
Sie musste ihn auf die Füße ziehen, und selbst da schien er nicht sicher genug auf den Beinen, um sich aufrecht halten zu können, geschweige denn, um so schnell laufen zu können, wie sie es gleich tun mussten, um fliehen zu können. Renata hielt ihm ihre Schulter hin. „Anlehnen, Nikolai", befahl sie ihm. „Ich gehe für uns beide. Jetzt lass uns zusehen, dass wir hier rauskommen."
Er knurrte etwas Unverständliches, als sie sich unter seinen massigen Körper zwängte und die ersten Schritte machte. So schnell sie konnte, schleppte Renata ihn zum Treppenhaus hinüber. Nikolai hatte Schwierigkeiten mit den Stufen, ein paarmal stolperte er, aber sie schafften es.
„Bleib hier", sagte sie zu ihm, als sie unten angekommen waren.
Sie setzte ihn auf der untersten Treppenstufe ab und flitzte hinaus, um zu sehen, ob der Weg zum Ladedock frei war. Das Büro am anderen Ende des Ganges war immer noch leer. Aber hinter der Stahltür redete der Fahrer immer noch mit dem Wachtposten, beide nervös vom Kreischen der Alarmsirenen um sie herum.
Renata schlich mit gezogener Betäubungspistole hinaus.
Der Vampir sah sie kommen. Schneller als sie reagieren konnte, hatte er seine Waffe gezogen und auf sie abgefeuert.
Renata schoss einen Energiestrahl auf ihn ab, aber schon spürte sie, wie eine reißende Hitze in ihre linke Schulter fuhr. Sie roch Blut, spürte, wie ihr ein heißes Rinnsal den Arm hinunterfloss.
Verdammt - er hatte sie getroffen.
Okay, jetzt war sie ernsthaft angepisst. Wieder feuerte Renata Energie auf den Vampir ab, und er ging in die Knie und ließ seine Waffe fallen. Der menschliche Fahrer schrie und ging hinter dem Lastwagen in Deckung, als Renata nach vorne kam und dem Vampir zwei Betäubungskugeln verpasste. Er fiel last ohne einen Laut in sich zusammen.
Renata ging um den Lastwagen und fand den Fahrer, der in der Fahrerkabine Deckung gesucht hatte.
„Oh Gott!", schrie er, als sie auf ihn zukam und vor ihm stand. Er hob die Hände, sein Gesicht schlaff vor Angst.
„Lieber Gott! Bitte töten Sie mich nicht!"
„Werd ich nicht", antwortete Renata und schoss ihn mit der Betäubungspistole in den Oberschenkel.
Als beide Männer außer Gefecht gesetzt waren, rannte sie zurück, um Nikolai zu holen. Sie ignorierte den wilden Schmerz in ihrer Schulter, zerrte Nikolai eilig in das Ladedock und stieß ihn in auf die Ladefläche des Anhängers, wo er vor dem Tageslicht draußen in Sicherheit sein würde.
„Find was, woran du dich festhalten kannst", sagte sie zu ihm. „Jetzt wird's gleich etwas holperig." Sie gab ihm keine Chance, etwas zu sagen. Schnell schlug sie die Tür zu und warf den Riegel vor, sperrte ihn im Innern des Lastwagens ein. Dann sprang sie in die leere Fahrerkabine, startete den Motor und warf den Gang ein.
Als sie mit dem Lastwagen durch das geschlossene Tor des Ladedocks brach und die Ausfahrt hinaufraste, der Freiheit entgegen. fragte sie sich, ob sie gerade Nikolai das Leben gerettet oder sie beide zum Untergang verdammt hatte.